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Im „Sommer“– Heft 2012 von „WEGE“, dem „größten österreichischen Magazin für alternativ denkende und handelnde Menschen“

(25.06.2012)

 

Ich fand die Freiheit im Gefängnis

 von Lisa Walcher

Uwe Woitzigs Buch „Hofgang im Handstand“ las sich für mich wie ein Krimi. Da lebt einer in der Welt der Reichen und Schönen. Feiert beruflich aufsehenerregende Erfolge mit Geld, die Frauen lieben ihn, er ist auf den schönsten Plätzen dieser Erde zu Hause. 1988 endet diese Phase und er wird bei einem spektakulären Wirtschaftsstrafverfahren zu fünf Jahren Haft verurteilt. Nun folgt im Gefängnis eine scheinbare Wandlung vom Saulus zum Paulus. Berührend zu lesen. Ich möchte den Menschen hinter dem Buch kennen lernen. Selber nachzufühlen, ob diese Verwandlung statt gefunden hat. Ich bin sehr gespannt auf den Autoren, der einem Interview zustimmt und sich mit mir und meinem Mann in einem noblen Restaurant am Ammersee trifft. Der Kellner katzbuckelt, Woitzig erkundigt sich nach seinem Privatleben, er kennt ihn scheinbar gut. Er ist freundlich und jovial, das Gespräch verläuft entspannt. Entspannt und geschickt umschifft er jede direkte Frage nach dem „Gut“ und „Böse“ seiner Zeit vor und nach der Verurteilung. Für ihn ist alles eins. Ein Erleuchteter? Ich weiß es auch nach dem Gespräch nicht. Auf jeden Fall begegnet mir hier ein Mensch, der an einer einschneidenden Lebensveränderung reift. Leben ist lernen. Auch für einen Ex-Banker und Börsenkaufmann.

WEGE: Herr Woitzig, Sie lebten lange Zeit in der Welt des Jetset und des Geldadels? Sind Sie da hineingeboren?

Uwe Woitzig: Überhaupt nicht. Meine Mutter war Lehrerin und mein Vater im mittleren Management  in einem Hüttenwerk im Ruhrgebiet tätig. Der Sprung in die Welt der Reichen und Schönen passierte nach meinem abgebrochenen Jura-Studium. Damals fand ich in der Süddeutschen Zeitung die Anzeige eines amerikanischen Brokerhauses, das Trainees suchte – mit einem damals sensationellen Gehaltsangebot von 3.000 Mark im Monat. Ich stellte mich vor – und zwei Tage später saß ich schon im Flugzeug nach New York, wo ich im Hauptquartier vorsprach, bei einem Typen, dem ich offenbar gleich sympathisch war. Nach unserem Meeting am Vormittag nahm er mich zum Mittagessen mit in den edlen „Players Club“ in Gramercy Park, einem Nobelviertel Manhattans. Überall im ersten Stock waren an der Wand Holztäfelchen mit Messingplättchen angebracht, auf denen die Namen von  Hollywoodstars standen, die hier ein Billard- oder Dart-Turnier gewonnen hatten. Ich war völlig fasziniert. Das war meine Stadt! Alles so offen, ganz anders als bei uns in Deutschland.
Wie ging’s dann weiter?

Man erklärte mir, dass man das europäische Business aufbauen wolle und dafür Leute wie mich bräuchte. Eine Woche später saß ich schon zur Ausbildung bei einer Partnerfirma in Genf, mit wunderschöner Wohnung in Montreux am Genfer See. Der beste Verkäufer einer Brokerfirma aus Montreux wurde mein späterer Partner. Nach einem halben Jahr der intensiven Zusammenarbeit sagte er beim Abendessen: „Wozu brauchen wir eigentlich die Gesellschaften, das können wir doch alles selbst! Du hast das Know-How, ich habe die Kunden. Machen wir uns doch selbständig.“ Das war’s dann. Das war der Beginn meiner Jagd nach Geld, Besitz und Anerkennung, die mehr als zehn Jahre erfolgreich andauerte. Bis das Spiel zu Ende ging.

 

Wir waren jung, hatten das Geld und uns gehörte die Welt. Dachte ich (links am Monte Carlo Heliport)) wenigstens, bis mir das Leben in meinen arroganten Hintern trat

 

Ende der 80er-Jahre gab es einen großen Bruch in Ihrem Leben. Was ist damals passiert?

Durch eine Fehlspekulation hatten wir seit 1983 eine Lücke, die ich nicht ernst genommen habe.

Was meinen Sie mit „Lücke“?

So nannten wir intern die Differenz zwischen unserem tatsächlich vorhandenen und dem in den Kontoauszügen ausgewiesenen Geld. Diese Finanzlücke entstand, während ich auf Urlaub in der Karibik war. Mein Partner kam auf die verhängnisvolle Idee, auf einen steigenden Goldkurs zu spekulieren – letztendlich entstand dabei ein Verlust von ca. 700.000 US-Dollar. Bei den Dimensionen, in denen wir damals gearbeitet haben, spielte so ein geringer Betrag eigentlich gar keine Rolle. Ich dachte, das schaffen wir locker, den wieder hereinzuholen. Ich war damals in einer völlig anderen Dimension unterwegs. Durch das „Krebsgeschwür“ dieser Lücke, das mich von da an begleitete,  entwickelte ich eine ungeheure Schärfe in der Wahrnehmung und erkannte, dass ich eine Rolle spielte – und alle anderen genauso. Trotzdem erbrachten wir absolute Höchstleistungen. Vier Firmen gleichzeitig mit unglaublich riskanten Trapeznummern zu führen, das war für mich schon extrem spannend. Wir haben wie eine Kerze an beiden Enden gebrannt, um diese wahnsinnigen Taktierereien durchzuhalten, die wir auf höchstem Verstandes- und Intelligenz-Level durchzogen. Nur – es war eben bloß der Verstand beteiligt, kein Herz, keine Spiritualität.

Als die Sache mit der „Lücke“ immer brenzliger wurde, sind Sie ja erstmal davongerannt …

Genau. Gemeinsam mit meinem Partner, meiner damaligen Frau und einem großen Geldkoffer. Aber nach zwei Monaten Flucht wurde mir klar, dass das so nicht weitergehen konnte. Ich ging zurück nach München, wollte dort den ganzen Müll aufräumen, um neu anfangen zu können. Ich war sehr wohl drauf gefasst, in eine Extremsituation zu kommen, wenn ich mich der Justiz stelle – aber ich dachte nicht, dass die mich so still legen würden!


 

Wofür und zu welcher Strafe wurden Sie dann 1988 konkret verurteilt?

Das Urteil lautete „Gewerbsmäßiger Betrug“, letztendlich ging es um einen Schaden von 5 Millionen D-Mark und eine Vermögensgefährdung von 35 Millionen DM-Mark. Das Urteil lautete fünf Jahre Haftstrafe. Das war anfangs ein gewaltiger Schock.

Sie haben sehr viel Geld anderer Menschen in den Sand gesetzt. Empfanden Sie die Strafe letztendlich nicht als gerecht? Immerhin waren Sie „böse“...

Für mich gibt es keine Differenzierung von Gut und Böse. Wo soll die Grenze sein? Wenn Gott so begrenzt wäre, dass er diese Teilung vollzogen hätte, gäbe es überhaupt nicht die Möglichkeit, etwas Böses zu erleben oder zu begehen. Das „Böse“ nach der Definition der menschlichen Gesetze ist für mich das Reizvollere. Jeder Hollywoodfilm befasst sich mit den Schurken. Die guten Helden sind unglaublich langweilig. Der „Lone Ranger“, der durch die Welt reitet und alle rettet oder Superman wären in Wirklichkeit fade Figuren, wenn es nicht die fantasievollen Gegenspieler, die Schurken gäbe. DAS sind für mich jene, die an ihre Wurzeln gehen. Sie lassen ihre dunklen, schwarzen Seiten zu, erforschen und testen sie. Nur wenn die Wurzeln tief in den Boden eindringen, kann der Baum hoch in den Himmel wachsen. Warum darf ein Soldat in dieser Gesellschaft mit einer Maschinenpistole in ein afghanisches Haus eindringen, eine Familie niederballern und bekommt dafür daheim einen Orden angehängt? Wenn ein Rechtsradikaler wie Breivik das Gleiche macht, wird er verteufelt. Wo ist der Unterschied? Nehmen wir mal an, dass unter den von Breivik ermordeten Jugendlichen einer gewesen wäre, der plante, einen Bombenanschlag auszuführen, der zigtausend Menschen getötet hätte. Ist Breivik dann nicht sogar so etwas wie ein Held, weil er das verhindert hat? Wer sind wir, dass wir mit unserer begrenzten Sichtweise uns anmaßen zu sagen, der eine ist der Teufel, der andere kriegt den Orden? Diese ganze Trennung zwischen Gut und Böse ist für mich eine Illusion. Die Buddhisten sagen, dass sich das ganze dialektische Denken auflöst, wenn du erleuchtet wirst.

Sie empfinden also selbst einen Massenmörder nicht als „böse“?

Jede Tat ist der Ausdruck einer Facette der Persönlichkeit, niemals die der Gesamtheit eines Menschen.  Ich habe im Knast sehr sympathische Mörder kennen gelernt. Das waren ganz sanfte, liebevolle Persönlichkeiten – nur einmal sind sie halt ausgerastet und haben Jemanden umgebracht. Irgendetwas brachte das Fass zum Überlaufen. Ein derartiges Verbrechen zu begehen ist nichts anderes als ein Ersatz für Krieg. Die Starken töten, die Schwachen betrügen.

Sie zählen sich zu den Schwachen?

Nein, wir waren die Diplomaten unter den Starken. Wenn ich die Gier eines anderen ausgenutzt habe, dann zwang ich ihn ja nicht mit der Maschinenpistole vor der Nase, den Vertrag zu unterschreiben und sein Geld herauszurücken. Niemals. Ich sagte nur: „Hier hast du die Möglichkeit, viel Geld zu verdienen“. Ich ließ auch jeden Kunden eine Risikoerklärung unterschreiben, dass er alles verlieren könne und dass er nur Geld investieren dürfe, dessen Verlust seine Lebensführung nicht beeinträchtigen würde. Wir hatten sogar vertraglich festgelegt, dass wir das Geld für Firmenausgaben zweckentfremden dürfen. Der Richter bei der Verhandlung ist fast verrückt geworden, als er die Kunden fragte, ob sie das nicht gelesen hätten, und sie darauf antworteten: „Doch, doch. Aber wir haben es nicht geglaubt!“ 

Als Sie dann im Gefängnis gelandet sind, waren Sie da mit Mördern und anderen Schwerverbrechern unter einem Dach?

Nein. In Deutschland wird zwischen Vergehen und Verbrechen unterschieden. Betrug oder Steuerhinterziehung sind Vergehen – da ist der Strafvollzug anders aufgebaut als bei jemandem, der ein Verbrechen wie Mord oder Bankraub begangen hat. Da sind die Sicherheitsstandards viel höher. Gefängniszustände, wie man sie aus amerikanischen Filmen kennt, hab ich also nicht erlebt. Die Unterbringung entsprach dem Standard einer einfachen Pension und ich wurde sehr human behandelt.

Haben Sie alle fünf Jahre abgesessen?

Nein, nur zweieinhalb Jahre, davon 14 Monate U-Haft in der JVA Stadelheim und den Rest der Strafhaft in der JVA Rothenfeld.

 

Die Hälfte der Strafe wurde mir erlassen – wegen guter Führung aber besonders wegen Schadenswiedergutmachung. Ich habe mich vom Gefängnis aus bemüht, die Verluste auszugleichen, indem ich half, einen Vergleich zwischen einer unserer amerikanischen Partnerfirmen und einem Großteil unserer Kunden zustande zu bringen.

Die Grundidee „Gefängnis“ ist es, Menschen, die etwas Schlimmes getan haben, zu bestrafen bzw. zu läutern. Funktioniert das?

Wer meint, man müsse Menschen einfach nur wegsperren, damit sie ihre Schuld einsehen und sich ändern, ist dumm. Er meint nämlich, dass der Mensch nur aus Fleisch, Knochen und Blut besteht. Aber natürlich gibt es noch den Geist, und den Geist kann man nicht einsperren. Auch ob „gut oder böse“ oder „Schuld und Sühne“ mit der Institution Gefängnis etwas zu tun haben, wage ich stark zu bezweifeln. Es ist krass gesagt Unsinn, zu sagen, die Leute im Gefängnis hätten „Böses“ verbrochen. Sie haben gegen Gesetze verstoßen, das ist ein wesentlicher Unterschied. Es gibt dort tatsächlich viele, die sich weder einer Schuld bewusst sind, noch in Wirklichkeit etwas Böses gemacht haben. Und einige sind völlig unschuldig hinter Gittern gelandet, weil das Gesetz sie einfach als „Täter“ definiert …

… was sie Ihrer Meinung nach gar nicht sind?

Wir haben ca. 115.000 Paragrafen und Verordnungen in Deutschland. Und noch mal so viele in Europa. Jeder von uns kann rein theoretisch immer gegen irgendetwas verstoßen. Eine leitende Staatsanwältin sagte mal zu mir, und das wortwörtlich: „Wir könnten jeden verhaften. Wenn wir in eine Firma gehen, finden wir immer etwas. Aber das ginge ja schon rein personalmäßig gar nicht.“

Die Gefängnisplätze sind ja auch beschränkt...

Nun ja, die Deutschen arbeiten wie verrückt daran, immer mehr Plätze zu schaffen. Zurzeit ist in unserem Land das
197. Gefängnis
in Arbeit! 500 Haftplätze kosten dort ca. 100 Millionen Euro – das ist ein höherer Quadratmeterpreis als Sie z.B. für eine Luxuswohnung am Starnberger See bezahlen!

In Ihrem Buch beschreiben Sie Ihre Gefängniszeit als „Riesenchance“. Wie das?

Wenn man die Chance erkennt und sich auf die wesentlichen Aspekte des Seins zurückzieht, dann verliert das massive Gebäude mit seinen martialischen und unterdrückenden Maßnahmen die Wucht. Meine Erfahrung war diese: Wird die Zellentür abgesperrt, sperren sie zwar meinen Körper ein, aber meine Gedanken, Meinungen, Ansichten sind frei. Im Knast erlebte ich zum ersten Mal innere Freiheit. Um 4 Uhr nachmittags weggesperrt zu werden und zu wissen, bis 6 Uhr in der Früh passiert überhaupt nichts mehr, das gab mir Sicherheit. Ich fühlte ich mich beschützt und behütet. Für eventuell auftretende Probleme hatte ich einen Hilferuf-Knopf – ansonsten konnte ich völlig frei bestimmen, was ich mit dieser Zeit anfange. Das Gefängnis ist zwar räumlich begrenzt, aber durch die Entfaltungsmöglichkeiten in der Intensität des kleinen Raumes entwickeln sich ganz andere Kräfte, als in riesigen Sälen. Es war bestimmt kein Zufall, dass ich von den 800 Quadratmeter meines Luxushauses in Grünwald bei München auf eine acht Quadratmeter große Zelle reduziert wurde! (lacht) Bei mir bewirkte das den totalen Umschwung, als ich erkannte: Materialismus in jeder Form macht nicht glücklich. Man lernt im Gefängnis seine Bedürfnisse aufs Wesentliche zu reduzieren – mein erstes Highlight war eine Schale Erdbeeren mit Sahne nach einem halben Jahr Untersuchungshaft.

Haben auch andere Mithäftlinge diese „Chance“ zur Selbstentwicklung genutzt?

Die wenigsten. Das Gefängnis ist nichts anderes, als ein Spiegel unserer Gesellschaft. Sie und ich, wir könnten uns genauso im Knast treffen. (lacht) Da gibt es die Profikriminellen, für die das Gefängnis ein fester Bestandteil ihres Lebens ist. Die das Berufsrisiko einfach in Kauf nehmen und sagen: „Ich mache den Einbruch, auch wenn er schief geht!“ Einer hatte bei seinen Gaunereien sogar immer den Erste-Hilfe-Koffer fürs Gefängnis dabei! Diese Jungs denken nicht über einen Wandel nach, sondern nur über die nächste Nummer, wenn sie wieder raus kommen. Und dann gibt es die wirklich Betroffenen, die fix und fertig sind, wenn sie im Gefängnis landen. Das sind meistens die „Gummibaumgießer“…

Gummibaumgießer?

So nenne ich Leute, die täglich acht Stunden ganz brav in ihren Bürozimmern gesessen sind, dort regelmäßig ihren Gummibaum gegossen haben – und plötzlich im Knast landen, obwohl sie eigentlich mit 65 (mitsamt dem Gummibaum) in Pension gehen wollten. Steuerhinterzieher, Manager, die z.B. wegen Korruption bei Siemens angeklagt und eingesperrt werden – die haben echte Probleme mit dem Gefängnisleben. Die drehen durch, weil sie gar nicht verstehen, was sie denn „Böses“ getan haben. Sie sind die ganze Zeit in einem Dämmerzustand, haben ihren Fokus noch immer draußen, meistens bei ihrer Firma. Und dann wird plötzlich die Beziehung zu ihren Frauen wichtig, die vorher ganz unwichtig war. Wenn die wegbricht – was in der Regel passiert – dann sind sie nur noch ein Häufchen Elend und zergehen in Selbstmitleid. Diese Typen suchen sich schon während der U-Haft eine Arbeitsstelle, möglichst in einem Büro mit Gummibaum, damit ihr Leben im Hamsterrad weiter gehen kann. Sie verpassen ihre Chance auf eine Entwicklung ihrer Persönlichkeit.

Aber Sie selbst haben ganz andere Erfahrungen gemacht. Sie beschreiben, dass Ihnen das Leben im Gefängnis die Augen geöffnet hat…

Genau. Da sind mir beim Hofgang plötzlich MENSCHEN begegnet, ganz ohne Maske. Bis dahin kannte ich ja nur Menschen, die sich ständig gegenseitig etwas vorspielen. Selbst bei meinem Geschäftspartner in Monte Carlo kann mich nur an ein einziges ehrliches Gespräch erinnern, das Tiefe hatte. Wir saßen fast täglich in den Luxusrestaurants dieser Erde beisammen und haben uns nur Oberflächlichkeiten erzählt. Aber hier im Knast war absolute Authentizität angesagt – und das war etwas, das ich unbedingt haben wollte, weil das fehlte mir in meinem Leben. Im Gegensatz zu diesem hohlen Gewäsch der letzten Jahre haben wir im Knast wirklich geredet und uns zugehört. Da wurde plötzlich auch gegeben, ohne einen Hintergedanken. Keiner dort hat viel – aber einer gab mir Kakao, ein anderer Kaffee, als ich eingeliefert wurde und nichts hatte … Da herrschte Hilfsbereitschaft, Mitleid, Liebe, Mitgefühl, Anteilnahme. Das alles lernte ich erst wieder im Knast kennen.

Hört sich fast so an, als hätten Sie das Gefängnisleben genossen?

Anfangs war ich schockiert und überlegte nur, wie ich da so schnell wie möglich wieder raus komme. Aber nach einiger Zeit wurde mir eben bewusst, dass weniger viel mehr sein kann, dass diese Reduktion für mich „Freiheit“ bedeutet. Ich hatte ja vorher schon so viel erlebt. Zum Glück gehörte ich zu jenen wenigen Knastbrüdern, die den äußeren Weg des „Überflusses“ bis zum Exzess gegangen sind. Ich habe mal im Internet recherchiert, in wie vielen Städten dieser Welt ich war. Ich kam auf über 350 Städte, habe laut Internet 28 Prozent dieser Welt bereist, ich kenne 70 Prozent der Traumstände dieser Erde. Ich bin durch die Wüste gelaufen, habe zu Osterfeuern auf Tiroler Gipfeln getanzt, war auf dem Opernball und am Faschingsdienstag im „schönsten Ballsaal der Welt“, auf dem Markusplatz in Venedig. Es gibt keinHighlight, das ich mir nicht gegeben hätte. Ich bin auf einem Remake der „Bounty“ durch die Südsee gesegelt, war bei einer Generalprobe von Antigone im Amphitheater von Epidaurus. Ich hatte jeden Luxus dieser Erde, von teurem Blech über Yachten bis zu Privatflugzeugen stand mir alles zur Verfügung …

Dass Überfluss nicht wirklich glücklich macht, ist Ihnen wirklich erst im Gefängnis eingefallen?

Nein, da gab es schon vorher so kleine Situationen. Zum Beispiel an einem Samstagnachmittag bei mir daheim in meinem Riesenhaus, da fiel die Gegenstromanlage am Swimmingpool aus, und ich kletterte in so einen engen Schacht, um es zu reparieren. Ich saß da unten und dachte mir: „Sag mal, geht’s noch?“ Mir wurde plötzlich meine innere Leere bewusst, die auch bei sämtlichen Gesprächen mit Geschäftspartnern da war. Keine wirkliche Berührung, keine Anteilnahme. Ich erinnere mich an ein krasses Beispiel: Man trifft einen Geschäftspartner zur Vertragsunterzeichnung. Auf die oberflächliche Begrüßung „Wie geht’s?“ sagt der: „Danke. Meine Frau hat schweren Krebs und wurde gestern operiert.“ Darauf der andere: „Oje… und hast du die Verträge dabei?“ Alles läuft auf dieser oberflächlichen Ebene ab. Da war nie Berührung im Spiel, nie echte Anteilnahme. Man spielt einfach die Rolle, die einem diktiert wird. Doch irgendwann ist man nicht mehr der Chef im Ring, nicht mehr der Meister am Schachbrett, sondern die Schachfigur. Man erfüllt die Ansprüche der Kunden, muss das richtige Auto fahren, trägt die richtigen Anzüge. In Amerika müssen Sie sogar die richtigen Krawatten tragen. (lacht) Stellen Sie sich das mal vor, die ganze sogenannte „freie Gesellschaft“ definiert sich über Krawatten! Man darf nämlich nur die Krawatte des besuchten Colleges tragen. Und so erkennt man an der Krawatte, ob ein Mann die „richtige“ Uni besucht hat, dazu gehört und Karriere machen darf!

Wie wichtig ist Geld in Ihrem Leben?

Nach Freuds Traumsymbolik entspricht Geld menschlichen Stoffwechselendprodukten. Insofern hat Geld für mich auch genau diese Bedeutung. Es ist ein wichtiges Schmiermittel. Ich habe mir alle meine Jugendträume damit erfüllt. Eigentlich bedeutet es mir nichts.

Heute. Aber damals?

Auch damals nicht. Ich hatte ja vorwiegend mit Geldscheinen zu tun – da liegt das Wort „Schein“ schon mit drin. Die ganze Welt der Reichen und Schönen ist aufgebaut auf diesem Schein. Geld ist ein Spiel. Wenn man Geld verdienen will, ist jede Ware langweilig. Man muss Geld mit Geld verdienen. Es ging mir damals nicht um Geld, sondern um „Equity“. Das ist ein Börsenterminus und bedeutet Guthaben. Man schaut jeden Tag auf diese Equity. Sie verändert sich im Lauf des Tages, einmal verschiebt sie sich um 100.000 Euro nach oben. Dann wieder nach unten. Oder auch um eine Million. Mein Partner und ich disponierten einmal im dreistelligen Millionenbereich – und mittags gingen wir zum Würstelstand um die Ecke und aßen eine Leberkäsesemmel. Ich zahlte 1,92 Mark für die Semmeln (lacht) und sagte zu ihm: „Findest du nicht, dass wir langsam völlig wahnsinnig sind?“ Wir lachten uns  fast tot, aber es war das Lachen der Soldaten im Schützengraben.

Ein Buchzitat: Hinter jedem großen Vermögen steckt mindestens ein Verbrechen.

Das ist absolut richtig. Die Vorfahren der Grimaldis in Monte Carlo zum Beispiel radierten als Mönche verkleidet bei einem nächtlichen Mordüberfall die Fürstenfamilie und deren Anhänger aus – seitdem herrschen sie dort. Sie haben immer noch zwei mit Schwertern bewaffnete Minoritenmönche in ihrem Wappen, die an diese "Heldentat" erinnern. Schauen wir uns doch die deutsche Geschichte an. Alle Gründer der wirklich großen deutschen Konzerne waren im Knast. Quandt oder Siemens haben die Basis für ihr Vermögen ihrer Verbindung zu den Nazis zu verdanken. Wenn Sie den deutschen Mittelstand betrachten – ich wiederhole mich und verweise auf die leitende Staatsanwältin – ist immer irgendwas gelaufen, was nach heutigen strafrechtlichen Voraussetzungen verurteilt worden wäre. Fast jedes große Vermögen basiert auf kriminellen Machenschaften. Überall, in allen Ländern dieser Welt. Man geht nur unterschiedlich damit um. Deutsche Staatsbürger haben zum Beispiel ein Problem damit, ihr Vermögen in der Öffentlichkeit zu zeigen – man fährt relativ kleine Autos, man versteckt Villa und Garten hinter Riesenmauern. In Griechenland läuft das ganz anders. Ich war dort mit der gesamten Führungselite unterwegs – und die feiern, was das Zeug hält, reden dabei auch über ihre Tricks und ihre Steuerschwindeleien. Die sagen ganz offen: „Bei uns ist es einfach Usus, dass jedes Unternehmen pleite aber jeder Unternehmer Multimillionär ist. Wenn man das nicht macht, ist man ein dämlicher Unternehmer.“

Eine persönliche Frage: Sie wirken so selbstbewusst – haben Sie während des Gefängnisaufenthaltes auch Schattenanteile an sich entdeckt, die Sie nicht so lieben konnten?

Wenn es nur hell in mir wäre, würde ich mich fürchterlich langweilig finden. Die Astronomen haben vor etwa 10 Jahren die "dunkle Energie" entdeckt, die dafür sorgt, dass das Universum sich immer weiter ausdehnt. So ist das auch bei uns Menschen (lacht). Ich akzeptiere und mag mich genauso, wie ich bin und versuche, immer authentisch zu sein. Ich habe im Gefängnis gelernt, natürlich und gelöst im Sinne der tantrischen Philosophie zu leben. Das heißt, ich folge meiner inneren Stimme und lasse mich nicht mehr von gesellschaftlichen Konventionen und den Meinungen anderer gängeln.

Von wem haben Sie im Knast am meisten gelernt?

Von meinem Zellennachbarn Öppes zum Beispiel bekam ich Bücher von Osho - wir haben darüber geredet, uns ausgetauscht, und er zeigte mir Meditationstechniken. Dann gab’s  Ronald, einen Zigeuner mit schamanischem Wissen, der brachte mir bei, wie man mit seinen Tieren in den Chakren kommunizieren kann. Einen langhaarigen „Meister“ aus Tibet gab es auch, zu dem kamen alle kranken Katzen des Gefängnisses, um geheilt zu werden. Er stand eines Tages im perfekten Handstand im Gefängnishof  – daraus wurde mein Buchtitel. 

Klingt fast nach einem einzigen, großen Selbsterfahrungsworkshop hinter Gittern?

Genau. Jeder lernt dort auf seine Weise. Im Rahmen dieser strikten Anstaltsordnung überlegt man sich als kreativer Mensch jeden Trick dieser Welt, um irgendwas zu erreichen. Meine Knastkarriere ist in Wirklichkeit sensationell. Irgendwann saß ich in einem Pflaumenbaum im Garten von Bayerns berühmten Kloster Andechs, dessen Anlagen wir Häftlinge pflegten, aß Pflaumen, sah die Berge, friedlich im Gras liegende Kühe, zwei Typen, die ich sehr mochte, saßen in zwei anderen Bäumen – und plötzlich fiel ich fast vom Baum vor Lachen. Wenn es dieses „Böse“ gäbe und ich ein solcher wäre, dachte ich mir, dann hätte ich alles, was ich bisher erlebt und in meinem Buch beschrieben habe, niemals erlebt. Denn alles unterliegt dem Gesetz von Ursache und Wirkung.

Was haben Sie nach Ihrer Entlassung gemacht?

Ich heiratete die Frau, die ich während meines Freigangs kennen gelernt hatte. Als nach  7 Jahren diese Ehe scheiterte, ging ich mit zwei Hunden in die Einsamkeit der Tiroler Berge. Wiederum sieben Jahre lebte ich dort. In dieser Zeit begriff ich nicht nur, dass man nicht unbedingt eine Knasterfahrung braucht, um zu lernen, wie man den Tag gestaltet und dieses fantastische „Dolce farniente“ zu erfahren. Ich begriff auch, dass jeder Suchende irgendwann allein leben muss, um sich im Sinne des Delphischen Orakels (gnôthi seautón) selbst zu erkennen.

Wie leben Sie heute?

Ich lebe zurückgezogen im Allgäu, einem Gebiet, durch das ich früher nur durchgefahren bin. Heute liebe ich das Allgäu. Hier herrscht eine spirituelle Atmosphäre mit unglaublich schönen Orten der Kraft.

Keine großen Geschäfte mehr?

Nö. Ambitionen, an großen Rädern zu drehen, hab ich keine mehr. Trotz diverser Verlockungen. Ich beschränke mich aufs Schreiben, aufs Radfahren und reise nur noch, um für ein neues Buch zu recherchieren. Meinen Ehrgeiz habe ich längst befriedigt. Ich war dort, wo alle hin wollen – das meine ich nicht nur symbolisch, sondern auch geografisch. Ich bin dreimal mit einem IATA-First-Class-Ticket um die Welt geflogen, kenne den Geschmack von Kaviar und Champagner, das Gefühl einen Rolls Royce zu fahren und jede Form eines Luxusurlaubs. Man kann nur etwas hinter sich lassen, was man kennengelernt hat. Ich hab den sogenannten Erfolg in allen für mich wesentlichen Erscheinungsformen erfahren und bis zur Neige ausgekostet. Diese gefährliche Illusion hinterließ bei mir immer ein Gefühl der Leere und die Gier nach einem neuen Kick. Bob Dylan hat völlig Recht, wenn er singt: "There is no success like failure, and failure is no success at all - es gibt keinen größeren Erfolg als zu Scheitern, und zu Scheitern ist überhaupt kein Erfolg“. Diesen Wahnsinn brauche ich wirklich nicht mehr.
Mein Glück ist die Genügsamkeit.

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Der heilsame Knast: Interview mit Uwe Woitzig

12.09.2012 (Der erste Jahrestag des Erscheinens von "Hofgang im Handstand")

Über Uwe Woitzig

Der ehemalige Jurist, Bankbesitzer und Finanzjongleur Uwe Woitzig saß wegen Betrugs in dreistelliger Millionenhöhe ein. In der Haft lernte Uwe Woitzig, dass er früher, im Materiellen, wesentlich stärker gefangen war als hinter Gittern. Er erlebte Freundschaften, die er vorher nie hatte. Er verließ das Gefängnis als ein Mensch, der seinem Herzen folgt. Das Buch dazu: Hofgang im Handstand ...

Bruderlustigs Kopfnüsse (BKN): Hallo Herr Woitzig, heute schon meditiert?
Uwe Woitzig: Wenn Sie mit Meditation die tiefe Versenkung im Lotussitz meinen, dann nicht. Allerdings lebe ich prinzipiell meditativ. Das heißt natürlich nicht in einem permanenten Dämmerzustand, sondern es bedeutet für mich zu versuchen, jeden Augenblick zu einhundert Prozent zu erleben, vollständig im Hier und Jetzt zu sein. Man könnte es vereinfacht so ausdrücken:
Wenn ich schlafe, schlafe ich.
Wenn ich aufsteh', steh´ ich auf.
Wenn ich gehe, gehe ich.
Wenn ich esse, ess' ich.
Wenn ich schaffe, schaffe ich.
Wenn ich plane, plane ich.
Wenn ich spreche, spreche ich.
Wenn ich höre, hör' ich.
Sie meinen, das mache doch wohl Jeder? Keineswegs. Zu den meisten Menschen könnte man sagen:
Du machst das alles etwas anders.
Wenn Du schläfst, stehst Du schon auf.
Wenn Du aufstehst, gehst Du schon.
Wenn Du gehst, dann isst Du schon.
Wenn Du isst, dann schaffst Du.
Wenn Du schaffst, dann planst Du schon.
Wenn Du planst, dann sprichst Du schon.
Wenn Du sprichst dann hörst Du schon.
Wenn Du hörst, dann schläfst Du.
Deshalb laufen so viele unbewusst durch die Welt. Sie sind nie wirklich anwesend, weil sie sich dauernd um die Zukunft sorgen oder an die Vergangenheit denken. So sind sie immer abgelenkt und werden zu einer leichten Beute ihrer Gedanken und Begierden, die sie anspringen wie Affen. Statt sie abzuschütteln und sie zu verjagen, klammern sie sich an ihnen fest und werden von ihnen in tiefste Depressionen gestürzt, aber sie lassen sie auch kurze Momente des (scheinbaren) Glücks erleben. Genau diese extremen Gefühlsschwankungen versuche ich zu vermeiden, indem ich immer ein bewusster Beobachter bin. Ich habe gelernt, meine Gedanken zu kontrollieren und frage mich in jeder Lebenssituation, was kann ich hier gerade lernen? Stellen Sie sich Ihr Leben wie ein Pendel vor. Wenn Sie sich am unteren Ende der Pendelstange aufhalten, bekommen sie den ganzen Schmutz ab, falls das Pendel in ein Sumpfgebiet schwingt. Je höher sie aber an der Pendelstange emporsteigen, desto unbefleckter bleiben Sie und desto genauer können Sie beobachten, wo genau sich der Pendelfuß gerade befindet. Und sich gelassen fragen, was das für Ihre Entwicklung bedeuten könnte, die für mich das Wesentlichste ist. Alles ist im Fluss, sagt Euklit. Stillstand ist für mich wie ein kleiner Tod. Aber meisten Menschen haben eine paranoide Angst vor Veränderungen, was zu den absurdesten Verhaltensweisen führt. So geht zum Beispiel ein Großteil großer Vermögen für den sinnlosen Versuch drauf, den Status Quo zu erhalten – wie wir es gerade hautnah bei den absurden Rettungsversuchen des Euro beobachten können.

Uwe Woitzigs spiritueller Weg

BKN: Sind Sie Ihrem spirituellen Weg auch nach dem Gefängnis treu geblieben?
Uwe Woitzig: Natürlich. Es geht nicht mehr anders. Wenn man einmal in einem Drei-Sterne-Restaurant gespeist hat, gibt man sich mit dem Käsebrot nicht mehr zufrieden. Es ist aber nicht einfach, in dieser Welt der Lüge und des Scheins gelöst und natürlich im tantrischen Sinne zu leben. Das heißt nämlich, authentisch zu sein, was eine der wesentlichen Voraussetzungen für ein spirituelles Leben ist. Man kann nicht Wasser predigen und Wein saufen. Es ist ungeheuer schwierig, weil so viele Maskenträger unterwegs sind, die sich und andere ständig belügen, ohne es überhaupt noch zu bemerken. Das wirft dann die Frage auf, nehme ich es hin und passe mich ihnen an oder weise ich sie daraufhin, dass sie mit ihren transparenten Lügen meine Intelligenz beleidigen. Letzteres führt natürlich zu Konflikten, die in Wirklichkeit Energieverschwendung sind, siehe Sun Tzu „Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft“. Auch deshalb habe ich mich nach dem Scheitern meiner zweiten Ehe sieben Jahre in die Tiroler Berge zurückgezogen und dort fast ohne menschliche Kontakte alleine mit meinen beiden Hunden gelebt. Durch diese mönchische Lebensweise erreichte ich eine Ruhe und Gelassenheit, die ich mir niemals zugetraut hätte. Ich lebte wie meine Hunde nur in der Gegenwart, ohne einen Gedanken an die Zukunft oder Vergangenheit zu verschwenden. Mein nächstes Buch „Limit up – Sieben Jahre schwerelos“, das am 19. September 2012 erscheinen wird, beschreibt ausführlich diese Zeit und meine zahllosen Abenteuer auf dem Weg zu mir selbst.

Ist die Beziehung zu Freunden aus dem Knast geblieben?

BKN: In Ihrem Buch „Hofgang im Handstand“ schließen Sie wunderbare Freundschaften im Gefängnis – sind Sie noch mit Ihren ehemaligen Mithäftlingen befreundet?
Uwe Woitzig: Freundschaft heißt für mich nicht, dass man ständig zusammen abhängt und sich regelmäßig zu belanglosen Gesprächen trifft. Sich nach vielen Jahren zu begegnen, sofort wieder eine gemeinsame Wellenlänge zu haben, sich den Schweiß über die hinter einem liegende Mühsal von der Stirn zu wischen und mit dem anderen lachend über die überwundenen Klippen, seine Fehler und Stärken sprechen zu können und zu wissen, dass ich verstanden werde, das ist für mich Freundschaft.
Der Wind hat unsere damalige Gemeinschaft in alle Teile der Welt geweht, einige leben nicht mehr. Aber ich trauere nicht. Wir haben uns gegenseitig gestützt in jenen Tagen der brutalen Unterdrückung und Zertrümmerung unserer Egos und sind uns für alle Zeiten dankbar. Heute ist es nicht mehr nötig, uns auszutauschen. Es reicht mir zu wissen, dass sie irgendwo dort draußen herum laufen. Alles hat seine Zeit. Das Leben besteht für mich aus Begrüßungen und Abschieden, die ich völlig gelassen und entspannt akzeptiere, weil ich weiß, dass sie letztendlich nur ein illusionäres Phänomen sind. Wie auch der Tod übrigens. Inzwischen kann ich sehr gut loslassen, eine weitere ganz wesentliche Voraussetzung auf dem „Weg zum wahren Adepten“, wie es Franz Bardon nennt.

Die Lehre aus der Knastzeit

BKN: Ihre Lehre aus der Knastzeit war, sich mehr dem Spirituellen als dem Materiellen zu widmen – haben Sie das durchgehalten?
Uwe Woitzig: Konsequent. So ist mir zum Beispiel mein Zeitguthaben heute viel wichtiger als mein Guthaben auf der Bank. Die Absurdität des Strebens nach Geld, um sich eine scheinbare Sicherheit zu schaffen, wird gerade durch den bevorstehenden und aus meiner Sicht unvermeidlichen Zusammenbruch des Euro wunderbar enttarnt. Warum sollte ich mich um wertloses, bedrucktes Papier bemühen, das für mich sowieso seinen Reiz verloren hat? Einst hatte ich so viel davon hatte, dass ich mir alles leisten konnte, was es auf dieser Welt zu kaufen gibt. Schnell begriff ich schon in jenen Tagen als Privatbankier und Broker, wie sinnlos dieses Anhäufen von Spielzeugen und wie belastend Besitz ist. Damals schwor ich mir, eines Tages nur noch die linke Zehe zum Geldverdienen zu benutzen. Der Rest des Körpers ist nämlich für Wesentlicheres da. Und heute bin ich so weit. Wozu brauche ich z.B. einen eigenen Hubschrauber? Wenn ich fliegen will, meditiere ich mit einem Freund – diesmal meine ich tatsächlich die Versenkung im Lotussitz - und wir verlassen unsere Körper und reisen fröhlich im Universum herum.

Das spirituelle Leben

BKN: Wie sieht das spirtuelle Leben konkret aus?

Uwe Woitzig:  Das ist ganz einfach. Besorgen Sie sich das Buch „Der Mann mit den zwei Leben“ von Robert A. Monroe und sie lernen es – je nach Begabung – in ein paar Stunden oder Tagen.
Aber ich schätze, Ihre Frage zielte auch darauf ab, wie mein spirituelles Leben heute aussieht. Nun, nachdem ich das Glück hatte, einen Großteil meines bisherigen Lebens auf der Sonnenseite zu tanzen, aus dem Vollen schöpfen zu können und immer Menschen um mich zu haben, die meinen Anweisungen folgten, habe ich vor einigen Jahren beschlossen, das Dienen zu lernen. Deshalb kümmere ich mich u.a. regelmäßig um eine an MS-erkrankte Freundin und habe zum Beispiel gelernt, ihr ohne die geringste Scheu den Hintern abzuwischen. Gerne fahre ich zu Orten der Kraft, die Basilika in Ottobeuren ist so einer, um dort zu meditieren und Energie aufzutanken. Ich halte mich viel in Wäldern und in den Bergen auf, schwimme in Gebirgsseen und radele im Allgäu herum, das überall landschaftliche Kleinodien hat. Dort treffe ich – nach dem Gesetz der Affinität muss das so sein – auf interessante Menschen, die mir ihre Geschichten und Erkenntnisse erzählen. Im Allgäu, das der Dalai Lama als das neue Tibet bezeichnet hat, leben sehr viele alternative Heiler, Kräuterkundige und Frauen, die sich selbst als Hexen bezeichnen. Es ist höchst interessant, ihnen zuzuhören und sich mit ihnen auszutauschen. Neulich traf ich einen Bergbauern, der noch nie sein Tal verlassen hatte und eine tiefe Zufriedenheit ausstrahlte. Aber nicht nur das. Er gab mir in seiner einfachen, klaren Sprache eine brillante Analyse des Zustandes unserer Gesellschaft. In so einem Moment denke ich wehmütig darüber nach, wie viel Zeit ich einst mit inhaltslosem Gewäsch bei sogenannten Geschäftsessen vergeudet habe. Doch dann verstehe ich, dass diese Oberflächlichkeit unbedingt sein musste, um mich für meine heutigen Gespräche zu präparieren und deren tiefgründige Qualität würdigen zu können. Wieder einmal finde ich die alte Erkenntnis bestätigt, dass das Leben vorwärts gelebt und rückwärts verstanden wird.

Der Knast - eine Wohltat für jeden ...

BKN: Wäre der Knast nicht für jeden eine gute Lehre – um zu sich zu finden?
Uwe Woitzig: Unbedingt. Und das meine ich absolut ernst. Ich las mal auf einer Zellenwand den Spruch: „Ein Leben ohne Knast, ist wie ein Schiff ohne Mast“, was ich in dem Vorwort meines Buches „Hofgang im Handstand“ ausführlich erkläre. Die komplexen und tiefgründigen Antworten auf diese Frage gibt aber mein Buch, so dass ich mich hier nicht mit einer nicht möglichen Kurzform verdaddeln möchte.  Eine heitere, gelungene Antwort auf die Frage gibt auch eine sehr gute Rezension bei news.de, die elf der in meinem Buch beschriebenen Gründe aufzeigt, warum Knast sich lohnt:

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BKN: Sie arbeiten auch als Unternehmensberater – was raten Sie Unternehmern?
Uwe Woitzig: Ich bin hauptsächlich im Corporate-Finance-Bereich tätig und besorge unter anderem Start-Up-Kapital für innovative Geschäftsideen, indem ich Business Angels mit bedürftigen Jungunternehmern zusammenbringe. Da muss ich nicht viel beraten, nur die Geschäftsidee vorstellen und Interesse wecken. Anders im M & A Bereich, da benötigt man u.a. eine "due diligence" des Unternehmens und kommt nicht umhin, sich mit den meistens unsäglichen Geschäftsusancen auseinanderzusetzen. Dann erteile ich den einen oder anderen Rat, um die Attraktivität der Firma für einen potenziellen Käufer zu erhöhen.

BKN: Ist Ihr Rat willkommen?
Uwe Woitzig: Niemals. Ein deutscher mittelständiger Unternehmer hält sich grundsätzlich für einen Feudalherren, der unfehlbar ist. Der Spruch, den ich ständig höre, ist: „Ich habe dreißig Jahre Erfahrung und das machen wir schon immer so.“ Erfahrung heißt natürlich nichts anderes, als immer wieder denselben Mist zu wiederholen. Da ist nicht die geringste Bereitschaft zur Veränderung zu spüren, man hat ja schließlich eine Tradition zu bewahren und säuft lieber mit seinen liebgewonnenen Gewohnheiten ab als Innovationen einzuführen. Diese Jungs sitzen in der Regel in mindestens 2 virtuellen Knästen:  Dem Status-Quo-Erhaltungs-Knast und dem Ehe-Knast.
Letztere ist meistens zu einer Zweckgemeinschaft verkommen, in der jeder seine genau festgelegte Rolle spielt. Von Liebe keine Spur. Sie sind von so undurchdringlichen geistigen Mauern umgeben, dass es vollkommen unmöglich ist, zu ihnen durch zu dringen. Und genau deshalb ist der Zusammenbruch des Euro mit all seinen Konsequenzen ganz wichtig, um diesen Jungs eine Chance zu geben, ihre eingefahrenen Denk- und Lebensweisen zu korrigieren.

BKN: Hatten Sie Schwierigkeiten in diesem Beruf – mit Ihrer Vergangenheit? Schließlich waren Sie erfolgreicher Broker, Bankbesitzer, ehe Sie Pleite gingen?
Uwe Woitzig: Vom Fachlichen null Schwierigkeiten. Die Grundregeln für die Unternehmensführung sind immer die Gleichen, man kann z.B. Sun Tzus Regeln über die Kriegskunst eins zu eins übernehmen und dann noch ein paar buddhistische Erkenntnisse inkl. betriebswirtschaftlicher Notwendigkeiten hinzufügen. Völlig egal, ob es sich um eine Autofirma, eine Bäckerei oder eine Bank handelt. Das Problem sind die Geschäftspartner, das heißt, die Firmeninhaber. Sie sind alle so schwerfällig und nehmen sich so furchtbar ernst. Keine Spur von  Humor. Nach Terminen mit ihnen benötige ich einige Tage, um den Müll wieder loszuwerden, den diese Männer bei mir abladen. Deshalb wickle ich pro Jahr auch nur noch ein Projekt ab.

Der perfekte erste Satz

BKN: Was ist für Sie ein perfekter erster Satz in einem Buch?

Uwe Woitzig: Es hängt vom Buch ab, er muss zum Inhalt passen. In Wirklichkeit ist er aber gar nicht so wichtig, weil er schnell überlesen und vergessen wird, wenn das Buch den Leser in seinen Bann zieht. Ich habe noch nie ein Buch nach seinem ersten Satz beurteilt, Sie etwa?


BKN: Seit wann schreiben Sie?
Uwe Woitzig: Seit meinem sechsten Lebensjahr, ununterbrochen, grins. Falls Sie Bücher meinen, seit 3 Jahren. Vorher musste ich Material sammeln.

BKN: Wie lange schreiben Sie jeden Tag?
Uwe Woitzig: Völlig unterschiedlich. Manchmal 10 Minuten, manchmal 10 Stunden. Je nachdem, wie der Flow ist.

BKN: Und wann? Morgens? Abends? Nachts?
Uwe Woitzig: Zu jeder Zeit, wenn mir etwas einfällt.

BKN: Wie lange arbeiten Sie an einem Roman?
Uwe Woitzig: An meinem historischen Roman „Love and Glory“ habe ich eineinhalb Monate gearbeitet. Das war ein guter Flow.

BKN: Welche Ziele haben Sie als Autor?
Uwe Woitzig: Meine Erkenntnisse zu verbreiten, um anderen Steine aus dem Weg zu räumen, damit sie nicht über sie stolpern.

BKN: Inspirieren Sie andere Autoren?
Uwe Woitzig: Natürlich. Ich habe mein ganzes Leben lang fast ununterbrochen gelesen und eine riesige Bibliothek im Kopf.

BKN: Welche?
Uwe Woitzig: Momentan würde ich sagen, „Utopia“ von Thomas Morus, ein Buch, das die Pflichtlektüre jedes Politikers sein sollte. Selbstverständlich alle Bücher von Osho und Ramtha. Das „Kybalion“, das elementare Buch. Das Tibetanische Totenbuch – ein echter Erkenntnishammer. Ganz wichtig die drei Bände von Franz Bardon. Eligio Gallegos, der Mann mit den Chakra-Tieren, ist ebenfalls nicht unwichtig. „Der rote Löwe“ von Maria Szepes, immer wieder ein Leseerlebnis für mich. Plutarch, „Die Kunst zu leben“ lese ich auch immer wieder. Schopenhauer erheitert mich, Nietzsche lässt mich schmunzeln.
Belletristisch sind Henry D. Thoreau, Jack Kerouac, Henry Miller, Charles Bukowsky Lieblinge meiner Jugend, ebenso wie Somerset Maughham, der wie Joseph Conrad meine Reiselust weckte, Oscar Wilde, Hermann Hesse, Dostojewsky, Poe, Maupassant, Stefan Zweig, Robert Musil, Dickens, Ambrose Bierce, Scott F. Fitzgerald, John D. Salinger, Walt Whitman. Roald Dahl und Stanley Ellin - die Jungs mit dem rabenschwarzen Humor.
Mehr fallen mir gerade nicht ein. Doch, eins noch. Ich lese in der Regel keine Krimis, aber es gibt eine Ausnahme: Die wunderbaren Bücher von Andrea Camilleri mit seinem großartigen Commissario Salvo Montalbano. DEN würde ich als eins meiner literarischen Alter Ego bezeichnen, lächel.

BKN: Gibt es ein Lieblingsbuch?
Uwe Woitzig: Vielleicht „Tantra – die höchste Einsicht“ von Osho. Mein Freund Öppes  gab es mir im Knast mit den Worten: „Sei vorsichtig, das Buch ist gefährlich. Es könnte dein Leben verändern. Wenn du das nicht willst, lies es nicht.“ Natürlich las ich es – und er hatte Recht.

BKN: Wie schreiben Sie: spontan oder geplant?
Uwe Woitzig: Fast immer spontan. Gerade habe ich allerdings einen Abgabetermin für ein Ms, deshalb plane ich.

BKN: Was halten Sie von Autorenratgebern?
Uwe Woitzig: Nichts. Entweder ich kann schreiben oder ich lass es. Wer etwas zu sagen hat, braucht keinen Ratgeber. Er braucht Eier in der Hose, die bekommt er nicht von Dritten. Schreiben nach Ratgebern ist das Gleiche wie Malen in Malkursen: Das Ergebnis sind vielleicht technisch perfekte, aber fürchterlich langweilige Blumenbilder.

BKN: Was inspiriert Sie beim Schreiben?
Uwe Woitzig: Mein bisheriges Leben, Geschichten anderer Menschen.

BKN: Haben Sie immer ein Notizbuch dabei?
Uwe Woitzig: Immer

Uwe Woitzigs nächstes Projekt

BKN: Was ist Ihr nächstes Projekt?
Uwe Woitzig: Ein Buch über einen türkischen Geistheiler. Ich habe ihn gerade in Antalya besucht, ein unglaublich beeindruckender Bursche. Kein schmächtiger Gandhi, sondern ein bulliger Typ, ein ehemaliger Boxer. So redet er auch, seine Worte sind wie Schläge. Der Typ ist so authentisch und hat eine solche Energie, dass ich nur noch lächelte, als ich mit ihm unterwegs war. Er hat einige spektakuläre Heilerfolge bei angeblich austherapierten Patienten erzielt. Deshalb ist der Arbeitstitel des Buches: Von wegen austherapiert! Erscheinungstermin Frühjahr 2013, wieder als Hardcopy in einem renommierten Verlag.

BKN: Wenn Sie drei Wünsche frei hätten – welche wären das?
Uwe Woitzig: Natürlich eine Wunsch-Flatrate, die ich aber vermutlich nie in Anspruch nehmen würde.
Ich wende die hermetischen Gesetze an und lebe derzeit so, wie es absolut perfekt ist für mich. Es gibt nichts, was ich hinzufügen oder weglassen möchte. Alles ist genauso, wie es sein muss. Stellen Sie sich folgendes Bild vor: Das Universum schenkt uns bei der Geburt einen Zug, der auf einer fest montierten Gleisstrecke fährt. Die ist unveränderbar. Wir können aber entscheiden, wie schnell wir fahren, wie viele Waggons wir anhängen, wen wir mitnehmen und wie pfleglich wir unseren Zug behandeln. Darauf habe ich mich die letzten Jahre konzentriert– und gerade fährt mein Zug mit der idealen Geschwindigkeit, hat die richtigen Menschen an Bord und blitzt vor Sauberkeit. Was sollte ich mir also wünschen?